Exzerpt: Die Strominsel (German)

Meine Muttersprache ist Deutsch. Dies sind die ersten Abschnitte meines ersten Romans.


Prolog

Wie das Abbild eines Gespenstes glitt der Schatten entlang den lichtüberfluteten Berghängen. Von Augenblick zu Augenblick veränderte er seine Form, zeigte sich als Trollkopf mit zerzaustem Haar und langer Nase oder als Feuer und Flamme speiender Basilisk, als krabbelnde und kriechende Maus oder als jagender Wolf. Bisweilen, wenn das Sonnenlicht diesen Schatten aus genau dem richtigen Winkel auf genau einen der wenigen Flecken glatten Untergrunds warf, mochte man für den Bruchteil einer Sekunde einen wuchtigen Vogel erkennen können.

Ein Adler segelte über die nordländische Reninsel, deren Küstlinie sich wie ein fünfhundert Quadratkilometer großes, zerrissenes Kleeblatt unter ihm ausbreitete, hinweg. Die Berge der Reninsel streckten ihre von den vier Eiszeiten rundgeschliffenen Gipfel an ihm vorbei in den blauen Nachmittagshimmel. Bis hinunter auf eine Höhe von vielleicht zweihundert Metern über dem Meer blieben die Hänge dieser Berge im ewig andauernden Licht- und Schattenspiel der kalten Sonne kahl und unwirtlich, eingetaucht in die bräunlich–graue Farbe der Felsen und Steine, die dem Traurigen trostlos erscheinen, dem Fröhlichen aber die Gewalt der Natur nahe bringen mochte.

Mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen in den Flügelspitzen kontrollierte der Adler den immerwährenden Wind und wurde genau dorthin getragen, wo er sein wollte. Er ließ die vielen engen Fjorde hinter sich und bewegte sich hinaus über die erste der beiden Meerengen, die die Reninsel vom Festland trennten. Eingeklemmt zwischen den Sunden, zehn Kilometer lang und nur zwei Kilometer breit, wölbte sich eine weitere Insel wie der Rücken eines gigantischen Wales aus dem Meer heraus. Beinahe die ganze Insel, mit Ausnahme der Südspitze und einer silbrig-schimmernden Lichtung dort, wo das Spritzloch des Wales sein mochte, war bedeckt von den unweigerlichen, knorrigen Zwergbirken der nördlichen Breitengrade.

Die Menschen des Nordlandes nannten sie die Strominsel.

Der Name erklärte sich aus ihrer Lage inmitten einer der stärksten Meeresströmungen der Erde, an welche sie sich in ihrer Form perfekt anpasst hatte. Umgeben von der Reninsel auf der einen und dem Festland auf der anderen Seite rauschten die Gezeiten jeden Tag einmal hin und einmal her an der nadelförmigen Insel vorbei und erschwerten die Navigation auf dem Meer ungeheuer. Zumindest für Boote, deren Skipper die Strömungen nicht kannten. Wer aber ein wenig im Voraus plante, wurde zumeist genau dorthin getragen, wohin er wollte.

Wie der Adler.

Er neigte seinen kleinen Kopf leicht zur Seite und spähte nach unten. Den Bruchteil einer Sekunde später spreizte er sachte die Federn in den Flügeln und setzte zum Sinkflug an. Vielleicht dreihundert Meter unter dem Raubvogel glitt eine junge Frau beinahe elfenhaft ohne jedwedes Geräusch durch das Gebüsch.

Ihre grazile, schlanke Gestalt mit dem von dichtem, schwarzen Haar umhüllten Gesicht mochte auf den ersten Blick eher in die Stube eines feinen Hauses als in den lichten Birkenwald der nördlichen Strominsel passen. Doch lenkte der zweite Blick die Aufmerksamkeit des Betrachtenden auf das an den Knien regelrecht abgerissene, dunkle Leinenkleid, die Angel in der rechten und den Kübel in der linken Hand. Die junge Frau lebte im und mit dem Wald, an und mit dem Wasser.

Sie schob ein paar Zweige zur Seite und legte eine feingliedrige Hand schützend über die Augen. Der Adler bemerkte sie, beachtete sie aber nicht. Noch etwas hatte er gesichtet, einen weißen Punkt, einen Makel im seidigen Tuch des Meeres. Irgendwo da draußen gab es etwas, was dort nicht sein sollte. Er ignorierte diese Beobachtung. Denn unter ihm zog ein massiver Seeotter einen kleinen Dorsch das steinige Ufer hinauf. Neben ihm schimpfte ein zweiter Otter, was das Zeug hielt, und versuchte nach Leibeskräften, den Transport des Fisches zu erschweren, indem er dazwischenfuhr, an dem Dorsch rupfte und riss.

Der Adler legte den Körper auf die Seite und ließ sich auf die Nordseite der Otter treiben, um seine Anwesenheit nicht durch einen Schatten zu verraten. Zumindest noch nicht. Noch befand er sich zu hoch in der Luft. Noch würden die Otter Zeit haben, ihren Fisch in Sicherheit zu bringen, wenn sie ihn entdeckten.

Die junge Frau beobachtete nun ebenfalls die beiden Otter. Sie hatte sich auf einen Stein gesetzt und bewegte nicht einen Finger. Lediglich nach oben schaute sie von Zeit zu Zeit. Fresst, ihr Unglücklichen! dachte sie.

Sie wartete auf den Adler. Er würde den Streithähnen den Fang bald abnehmen. Schon bemerkte sie seinen Schatten. Sie verfolgte den Schatten, wie er immer kleiner werdende konzentrische Kreise auf den steinigen Grund zeichnete. Im Zentrum dieser Kreise fauchten die Otter. Die junge Frau hob die Hände, um ihre Haare zur Seite zu schieben, und besser sehen zu können, doch sie hielt in ihrer Bewegung inne.

Die Zeit verstrich. Ihre Muskeln spannten sich langsam aber sicher an. Sie spürte den ersten Krampf in ihrem Körper. Angel und Rucksack glitten ihr vor Schreck aus den steifen Händen. Die beiden Otter glotzten in ihre Richtung, dann auf den Schatten, der sich auf sie zubewegte. Dann nach oben; dann vergaßen sie ihren Streit und fraßen, was sie fressen konnten. Die junge Frau starrte auf das Meer. Sie hoffte bis zuletzt, dass sie an Halluzinationen litt, dass sie nicht sah, was sie sah. Sie wusste aber, dass sie sich nicht irrte.

Der Adler befand sich nur noch zwei Meter über dem Boden. Die junge Frau hielt den Atem an. Erst flüchtete einer der Otter, dann der andere. Der Adler hatte freie Bahn — und drehte ab, verschwand allzu schnell hinein in den blauen Himmel. Die junge Frau starrte regungslos vor Schreck an den Strand, wo sich hinter einem der größeren Steine, ein gigantischer, weißer Körper wie Leviathan aus dem Meer heraus erhob. Das Tier, dessen nasses Fell in der Sonne glänzte wie der letzte Schnee des Frühlings, schüttelte sich und stapfte den Strand hinauf. Es legte die Schnauze in die Luft. Der Mund der jungen Frau öffnete sich in einem stummen Aufschrei. Sie versuchte verzweifelt, die Krämpfe in ihren Muskeln zu lösen und wegzulaufen, doch es funktionierte nicht. Steif und wortlos sah sie den Eisbären an den Resten des Dorsches schnuppern, eine Tatze auf den Schwanz des Fisches setzen — und zubeißen.

Ein—Eis—bär!

Die Silben prägten sich wie von einer rollenden Dampfwalze gepresst ein in ihre Gedanken. „Gott, hilf uns!“ flüsterte sie, packte ihre Angel und ihren Rucksack und schlich so schnell es ihr die Vorsicht erlaubte davon…


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